Projekt zur Mahnwache

Gespräch mit Paul Niedermann

Von Herrn Baumbusch erfuhren wir kurzfristig, dass ein früherer Karlsruher Jude, Paul Niedermann, zur Zeit in Karlsruhe ist. Sogleich beschlossen wir, ihn im Rahmen unserer Mahnwache nach St. Konrad einzuladen, um aus erster Hand etwas über die Situation der Karlsruher Juden während der Nazi-Zeit zu erfahren.

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Als Zeitzeuge wusste Paul Niedermann so manche Geschichte und Anekdote aus der damaligen Zeit zu erzählen; und seine fesselnde Sprache führte dazu, dass der veranschlagte Zeitrahmen deutlich gesprengt wurde. Obwohl es in Karlsruhe kein Ghetto gab, muss die Ausgrenzung der Juden sehr hart gewesen sein; dazu kamen noch die tägliche Übergriffe und Prügeleien mit der Hitlerjugend, an die sich Paul Niedermann noch gut erinnern konnte. Besonders erschütternd war natürlich, als Herr Niedermann uns von der Deportation der gesamten Familie berichtete.

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Im Rahmen unserer Mahnwache wollten wir für das virtuelle Gedenkbuch der Stadt Karlsruhe die Biographie eines ermordeten Karlsruher Juden erstellen. Da die Eltern Niedermanns bereits vom Leiter des Stadtarchivs porträtiert wurden einigten wir uns darauf, etwas über seinen Großvater mütterlicherseits, Adolf Heimberger, herauszufinden.

Obwohl alles ziemlich lange zurückliegt und der Großvater schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts geboren wurde, wusste Herr Niedermann noch viele Details aus dessen Leben zu erzählen. Auf diese Weise konnte der Lebenslauf von Adolf Heimberger rekonstruiert werden, aber sein Stammbaum und Näheres zur Kindheit seines Großvaters in Sindolsheim bei Mosbach waren auch Paul Niedermann unbekannt. Also gab er uns den Tipp, in Sennfeld (einem kleinen Ort in der Nähe von Sindolsheim) Herrn Lochmann zu besuchen, der über die Juden im Odenwald bestens Bescheid weiß und auch ein Museum ("Gedenkstätte ehemalige Synagoge Sennfeld") eingerichtet hat.

 

Recherchen im Odenwald

Da unser PGR-Vorsitzender Herr Baumbusch ebenfalls aus dieser Gegend stammt, machten wir uns am Dienstag, den 6.8.2002 mit dem Zug auf den Weg nach „Badisch Sibirien". Dreimal mussten wir umsteigen, und nach ca. 2 Stunden Fahrt kamen wir am Mosbacher Bahnhof an, wo uns Herr Baumbusch gleich empfing. Zunächst machten wir eine kurzweilige Stadtführung durch Mosbach, besonders seien hier die vielen Fachwerkbauten hervorzuheben. Außerdem besichtigten wir die Stadtkirche, die als einzige in Deutschland sowohl einen katholischen als auch einen evangelischen Teil hat, der durch eine Mauer abgetrennt ist.

Gegen 12 Uhr nahmen wir das Mittagessen in einem sehr guten italienischen Restaurant ein, das in einer Mühle untergebracht ist. Und nach dieser Stärkung fuhren wir nach Sennfeld, wo uns Herr Lochmann zuerst eine kleine Führung durch die ehemalige Synagoge des Ortes gab, die – vom Filmvorführraum bis zur katholischen Kirche – eine wechselvolle Geschichte durchlebt hat. Ein besonderes Highlight war die Mikwe der Synagoge, die von Grundwasser gespeist wird und in der auch heute noch Wasser steht. Anschließend zeigte uns Herr Lochmann sein Museum über die Juden in der Umgebung, bevor wir uns den Recherchen zu Adolf Heimberger zuwandten. Leider konnte auch Herr Lochmann die genauen Eltern von Adolf Heimberger nicht benennen, er hatte aber zumindest einen Verdacht, da er Leute aus Sindolsheim mit dem Namen Heimberger und passendem Geburtsdatum gefunden hatte. Herr Lochmann versprach, bald ins Generallandesarchiv in Karlsruhe zu fahren, um herauszufinden, wer die genauen Eltern von Adolf Heimberger waren; was er auch wenig später einlöste. Er schickte uns einen Stammbaum der Familie Heimberger, der all unsere Erwartungen übertroffen hatte: vier Generationen (also der Ur-Ur-Großvater von Adolf Heimberger, der im 18. Jahrhundert lebte) lassen sich mit dem von Herrn Lochmann erstelltem Dokument überblicken.

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Die Mikwe der ehemaligen Synagoge Sennfeld

Des weiteren gewährte er uns einen Einblick in die Ergebnisse seiner Forschung: er zeigte uns die Sterbelisten der Konzentrationslager (in denen übrigens sehr viele Fehlern waren, als Geburtsort von Adolf Heimberger wurde z.B. „Mindolsheim" angegeben) und die Listen der Deportationszüge. Besonders ergiebig für seine Recherche sind - für uns aber so gut wie unleserliche - alte Kirchenbücher, mit denen besonders über Geburten Aufschluss gewonnen werden kann.

Auf jeden Fall fand Herr Lochmann heraus, welches Haus der Familie Heimberger früher gehörte: nach seinen Recherchen muss es Markstraße 6 gewesen sein. Also machten wir uns auf den Weg nach Sindolsheim, wo wir kurz darauf das Haus Marktstraße Nr. 6 fanden, in dem sich heute eine Gaststätte befindet. Außerdem hatten wir Gelegenheit, eine ältere Dorfbewohnerin, die direkt gegenüber wohnt, zu befragen. Leider wusste auch sie nicht mehr allzu viel von den Heimbergers.

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Marktstraße Nr. 6 in Sindolsheim

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Gespräch mit der Nachbarin

Allgemein war es erstaunlich, wie viele Spuren des Judentums noch in den Dörfern zu finden waren: so z.B. die rituelle Einkerbung am Türrahmen, die typisch für jüdische Häuser ist. Allerdins haben wir andernorten eine frühere Synagoge gefunden, wo genau diese Einkerbung ausgespachtelt und die Inschrift über der Tür entfernt worden war. Nur eine Steinplatte links unten an der Hauswand zeugte von der ehemaligen religiösen Bedeutung dieses Hauses.

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Einkerbung am Türrahmen

Zum Abschluss besuchten wir noch den jüdischen Friedhof von Bötigheim, auf dem alle Juden der Umgebung begraben wurden; auch die Angehörigen von Adolf Heimberger. Herr Lochmann (von Beruf Lehrer) hatte zwei ganze Schulferien geopfert, um einen Plan des Friedshofs zu erstellen. Doch trotz allem war es schwierig, bei dem Efeubewuchs und der - aus heutiger Sicht - umgekehrten Reihenfolge der jüdischen Gräber die richtigen zu finden. Erschwert wurde das noch durch ein aufkommendes Gewitter, das mit starkem Regen verbunden war.

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Jüdischer Friedhof Bötigheim

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Auf der Suche nach Gräbern von Angehörigen der Familie Heimberger

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Jüdischer Friedhof Bötigheim - neuer Teil

Nichtsdestotrotz erklärte uns Herr Lochmann die verschiedenen Symbole auf den Gräbern, wie z.B. gespreizten Händen (Symbol für die Handauflegung eines Priesters), einer Vase (Angehörige der Familie Lewi), einem Löwen (Angehörige der Familie Löb) und einem Horn. Zudem öffnete Herr Lochmann die Tür zur Leichenhalle, in der noch der Leichenwagen von damals stand! Den Schlüssel hierzu hatte Herr Lochmann übrigens durch Ausprobieren herausgefunden, er hatte einfach zehn alte Schlüssel mitgebracht.

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Gräber von Angehörigen der Familie Heimberger

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Der Schlüssel zur Leichenhalle

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Der Leichenwagen von damals

Nach dem Gespräch mit Paul Niedermann und der Odenwald-Exkursion konnten wir den Lebenslauf von Adolf Heimberger weitgehend rekonstruieren. Mit unserem Material (außerdem viele Fotos aus dem Odenwald und historische Bilder von Paul Niedermann) stellten wir sechs Schautafeln her, die am 9.11. neben der Mahnwache an Stellwänden ausgestellt wurden.

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