Eine Stadt schreibt ihre Geschichte

Die Karlsruher sollen ein Gedenkbuch für die ermordeten Juden verfassen

Bücher, Gedenksteine und Denkmäler – das ist nur eine Art, sich mit Geschichte auseinander zu setzen. Die Stadt Karlsruhe geht jetzt einen anderen Weg. Bürgerinnen und Bürger sollen selbst Stadtgeschichte schreiben.

986. Das ist die schrecklichste Zahl in der Geschichte von Karlsruhe. Sie gibt an, wie viele Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens aus der Stadt während der Nazizeit ermordet wurden. 986. Die Zahl hat auch etwas Gefährliches. Sie kann dazu verleiten, die Morde in der Statistik abzulegen. Das aber würde die Geschichte verfälschen. Denn es wurden keine Zahlen umgebracht – sondern Menschen.

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Karlsruhe will der Opfer des Holocausts als individueller Persönlichkeiten gedenken. Deshalb hat die Stadt beispielsweise vor gut einem Jahr einen Grabstein aufgestellt, auf dem die Namen der Ermordeten verzeichnet sind. Und deshalb hat sie jetzt auch ein Mitmach-Projekt für die Bevölkerung auf den Weg gebracht: ein Gedenkbuch für die deportierten Karlsruher Juden.

Bei der Aktion sollen Bürgerinnen und Bürger für jeweils eines der Opfer eine so genannte Patenschaft übernehmen. Das bedeutet: Sie suchen in einer Datenbank nach einer Person, zu der sie eine Beziehung aufbauen wollen (jemand aus der eigenen Straße? Jemand mit gleichem Beruf?). Dann forschen sie in den Archiven der Stadt und rekonstruieren die Biografie des Ermordeten. Diesen Lebenslauf sollen sie dann zu Papier bringen.

Damit sich die Nachfahren der Tätergeneration in das Schicksal der Opfer einfühlen, dazu braucht es sicherlich Mut. Was es aber nicht braucht, sind historische De-tailkenntnisse. Fachbücher gibt es ja bereits viele. Das Gedenkbuch dagegen soll wirklich ein Erinnerungsprojekt möglichst der ganzen Stadt, eine Aktion von Nicht-Fachleuten sein. „Es geht darum, sich in das Leben eines anderen hineinzuversetzen“, erklärt Susanne Asche vom Stadtarchiv: „Das ist in jedem Fall anspruchsvoll.“

Die Resonanz ist groß, berichtet Asche. Da ist zum Beispiel die Schulklasse, die den Lebenslauf eines Konditormeisters aufgeschrieben hat. Oder der Geschichtslehrer, der das Leben eines Kollegen nacherzählt. Auch Ministranten der Karlsruher Pfarrei St. Konrad haben sich beteiligt. Die Biografien fallen je nach Autor und Quellenlage ganz unterschiedlich aus. Und das sollen sie auch, die Mitarbeiter des Stadtarchivs greifen nicht in die Texte ein: „Wir helfen beim Suchen, aber nicht beim Schreiben“, so Susanne Asche.

Das Gedenkbuch ermöglicht einen anderen, einen viel persönlicheren Zugang zu Geschichte als Fachbücher, Gedenksteine und Denkmäler. Wer die Biografie eines anderen schreibt, unternimmt einen Perspektivwechsel, fühlt sich in sein Gegenüber ein. Entsprechend soll die Aktion auch weiter wirken, hofft man im Stadtarchiv. „Wenn ich zur Teilhabe an einem Gegenüber fähig bin, bin ich auch fähig, Demokratie zu leben.“

Foto: Müller-Gmelin, Stadtplanungsamt

Autor: Stephan Langer

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