Das "Gedenkbuch der Karlsruher Juden" hat schon elf Kapitel, 70 weitere sind in Arbeit

Jugendliche auf der Spurensuche in der Stadtgeschichte

Mahnwache, Gottesdienst in der Synagoge und Tollhaus-Veranstaltung erinnerten an den 9. November 1938

Von unserem Redaktionsmitglied Michael Nückel

"9. November 1938 - 64 Jahre nach der Pogromnacht" steht auf dem Transparent vor der ehemaligen Synagoge in der Kronenstraße 15. Gleich daneben haben die Jugendlichen Infowände mit der Lebensgeschichte des früheren Kastellans (Kirchendiener) der Synagoge Adolf Heimberger aufgestellt. Die Jugendlichen sind Pfadfinder und Ministranten der Kirchengemeinde St. Konrad / Hl. Kreuz. Für die Biografie haben sie sich auf Spurensuche in die Archive begeben, Fotos gesichtet und mit Zeitzeugen gesprochen. Die Passanten bleiben stehen, lesen und diskutieren. Viele loben die Arbeit der Jugendlichen. (Siehe auch Kommentar.)

Foto

Auch Bürgermeister Harald Denecken, der die ganztägige Mahnwache zur Erinnerung an die so genannte "Reichskristallnacht" am Samstag aufsuchte. "Ich finde es gut, dass ihr euch aktiv mit der Vergangenheit auseinandersetzt und nicht stumm nur Wache steht", bescheinigte er den Jugendlichen. In Anwesenheit von Paul Niedermann, dessen Großvater der von Ministranten und Pfadfindern portraitierte Adolf Heimberger war, und den beiden katholischen Vizedekanen Matthias Bürkle und Erhard Bechtold verurteilte Denecken den "alten Rassenwahn" in neuem Gewande. "In einem Haus unserer Stadt", sagte er und spielte damit auf das "Haus der Heimat" an, könnten "Salonfaschisten" unwidersprochen ihre Auffassungen verbreiten.

Im "Stadtmuseum" im Prinz-Max-Palais hatten die Jugendlichen von der Mahnwache einen weiteren Auftritt. Zusammen mit sechs weiteren Autoren fügten sie ihre Biografie von Adolf Heimberger dem "Gedenkbuch für die Karlsruher Juden" bei. In diesem sind inzwischen elf von rund l000 Lebensgeschichten von Karlsruher Bürgern geschrieben, insgesamt 70 Biografien sind in Arbeit, weitere "Freizeit- Biografen" werden vom "Institut für Stadtgeschichte" gesucht. (Siehe Kasten oben rechts.) Mit einem Gottesdienst wurde am Samstag auch der Pogrome des 9. November in der Synagoge in der Knielinger Allee gedacht. Solange Rosenberg, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, setzte sich in ihrer Rede mit den jüngsten ausländerfeindlichen und antijüdischen Tendenzen auseinander und schloss mit einem Zitat von Ralph Giordano: "Aber wenn Juden - wie jetzt wieder - das Schlimmste angetan wird, was ihnen angetan werden kann, nämlich dass sie zu Urhebern des Antisemitismus erklärt werden, dann wird es allerhöchste Zeit, dass er endlich ausbricht - der Aufstand der Anständigen."

"Ist Deutschland unsere Heimat?", lautete das Thema der Gedenkveranstaltung, die der Arbeitskreis 9. November im Tollhaus Samstagabend organisiert hatte. Die Heidelberger Literaturprofessorin Anat Feinberg beantwortete die Frage in ihrem Vortrag mit einer Vielzahl von Vertretern der zweiten oder Nach-Holocaust-Generation, die sich als "integrierte Fremdkörper", "heimatlose Ausländer oder ganz allgemein als "heimatlos" oder "fremd" in Deutschland bezeichnen.

Die Historikerin Susanne Asche hatte in der Begrüßung zuvor das "Gedenkbuch für Karlsruher Juden" vorgestellt und die Bedeutung des Projektes für das "Gedächtnis der Stadt" hervorgehoben. Wie Peter Baumbusch, der die jährlichen Schüler-Mahnwachen vor der ehemaligen Synagoge organisiert, mitteilte, kommt im nächsten Jahr eine protestantische Jugendgruppe an die Reihe. Sie hat sich schon auf "Spurensuche" begeben.

zurück